Zertreten wie einen Käfer
Sie hat es vergessen. Genau das steht in der Luft, noch bevor sie es ausspricht: dass der Spruch, der Witz, der kleine Zauber, dich zum Käfer gemacht hat. Für sie bist du ein Fleck auf dem Boden. Für dich ist sie das Gebäude.
Der Catsuit sitzt offen an der Schulter, schwarz, durchbrochen, die Beine in einem Muster, das aus der Käferperspektive wie Gitterstäbe wirkt. Blonde Strähnen hängen nach unten, während sie sich über dich beugt. Das Kinn ist hoch, der Blick halb gelangweilt, halb neugierig. Eine Zehe schiebt sich ins Bild, nackt, die Nägel dunkel. Sie testet den Boden, als würde sie prüfen, ob da wirklich etwas krabbelt.
Dann kommt der Rest von ihr. Sie stellt sich breitbeinig über dich, die Arme locker, der Mund schon offen. Kein Lächeln. Ein angewidertes Zusammenziehen der Brauen, als hätte sie auf etwas Nasses getreten, das sich noch bewegt. „Ew.“ Das Wort fällt kurz und scharf, und in dem Moment wird die Sohle zur Decke.
Sie hebt den Fuß. Die Ferse kommt zuerst, rund und warm, dann der Ballen, dann die Zehen, gespreizt gegen das Deckenlicht. Die ganze Sohle füllt das Blickfeld: Hautlinien, die leichte Röte an der Ferse, der Bogen, unter dem du verschwindest. Es riecht nach warmem Fuß, nach dem Flur, nach dem Stoff ihrer Strumpfhose, die sie irgendwann ausgezogen haben muss, denn die Sohle ist nackt. Jede Falte ist eine Straße. Der Abstand zwischen zwei Zehen ist ein Tor.
Sie hält den Fuß über dir, nicht um zu zögern, sondern um hinzusehen. Die Grimasse wird größer, die Zunge stößt gegen die Zähne, ein Piercing blitzt, die Wimpern sind schwer von Mascara. Ekel und Genuss liegen bei ihr dicht beieinander. Sie will den Käfer nicht anfassen. Sie will ihn unter der Sohle spüren, kurz, endgültig, und dann den Fuß wieder heben und prüfen, ob noch etwas klebt.
Der Fuß senkt sich. Nicht schnell. Langsam genug, dass du die Wärme spürst, bevor das Gewicht kommt. Der Ballen trifft zuerst, weich und schwer, und drückt dich flach gegen das Linoleum. Die Zehen krümmen sich, schaben einmal über den Boden, als würde sie einen Krümel zerreiben. Druck, Hitze, das dumpfe Nachgeben der Sohle. Für einen Atemzug bist du nichts als Abdruck.
Dann hebt sie den Fuß wieder, nur ein Stück, und beugt sich herunter, bis ihr Gesicht den Flur füllt. Mund offen, Zähne, das Piercing, die Haare wild. Sie lacht nicht. Sie mustert dich, was von dir übrig ist, und hebt die Hand, zwei Finger schon halb geschlossen, bereit, das letzte bisschen aufzuklauben. Hinter ihr glüht die Lichtleiste orange. Der Flur ist wieder weiß. Nur die Sohle, die über dir hängt, ist noch die ganze Welt.
Im Heft steht darunter nur eine Zeile: Sie hat vergessen, dass sie dich zum Käfer macht. Die Sohle nicht.
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